Wenn sich der Mensch im Angesicht des Todes befindet, vollzieht sein Gewissen in rasender Schnelle, eine Bilanz seines bisherigen Lebens. Der Wert seines Lebens und seiner Taten wird ihm plötzlich bewusst. Wenn er während seines Lebens auf dieser Erde nichts Gutes getan und nicht nach den Geboten Gottes gelebt hat, überkommt ihn eine große Reue. Denn viele Dinge, die er während seines Lebens nie berücksichtigt hat, werden ihm plötzlich in ihrer Realität und Wichtigkeit klar vor Augen geführt. Möglicherweise zum ersten Mal in seinem Leben begreift er die Wirklichkeit der Gegenwart des Todes. Er denkt nach und erkennt, dass er sich mit seinem Lebenswandel das Paradies nicht verdient hat, und deswegen empfindet er diese große Reue. Er wird sich seiner Undankbarkeit seinem Schöpfer gegenüber bewusst und er ahnt, dass Gott ihn zur Rechenschaft ziehen wird. Eine Furcht, die er bis dahin nie empfunden hat, ergreift ihn, und er begreift, dass nur Gott ihn retten kann. In diesem Moment verspricht er, falls Gott ihm sein Leben erhalten würde, von nun an dankbar und gottesfürchtig zu sein, sein weiteres Leben nach Gottes Geboten zu führen und diesen Augenblick niemals zu vergessen. Er fleht Gott an, ihn aus dieser Gefahr zu erretten und sein Leben noch ein einziges Mal zu verschonen.
Nachdem sie solch eine Todesgefahr jedoch unbeschadet überlebt haben, vergessen die meisten Menschen ihre vor Gott gemachten Versprechen und Vorsätze. Sobald sie sich in Sicherheit wägen, kehren sie Allah den Rücken und leben ihr Leben wie zuvor und oft klammern sie sich dann noch mehr an irdische Dinge. Dankbarkeit, Demut und Reue verschwinden aus ihren Herzen und stattdessen kehren wieder Undankbarkeit, Hochmut und Zynismus ein. Der Augenblick in dem sie dem Tod gegenüberstanden und die Wahrheit erkannten, ist vergessen als ob sie Allah nie um Gnade und eine letzte Chance angefleht gebetet hätten. Einige Verse im Quran schildern den seelischen Zustand und die Haltung solcher Leute deutlich:
Wie auch im obigen Quran-Vers hingewiesen wird, kann der Mensch sich nie sicher sein, dass er nicht nochmals einer ähnlichen oder anderen Gefahren ausgesetzt sein wird. Wie kann er sich sicher sein, dass er ein weiteres Mal gerettet wird? Zweifelsohne hat niemand eine solche Garantie. Letzten Endes kann auch eine Rettung, wie oft auch immer sie sich zutragen mag, niemanden vor dem letztlich unvermeidbaren Tod bewahren. Jeder Mensch stirbt, und zwar genau dann, wenn die ihm von Gott für sein Leben bemessene Zeit abgelaufen ist. Der Eintritt des Todes ist unaufschiebbar. In jenem Augenblick wird der Mensch erneut die Reue empfinden, doch dann nützt sie ihm nichts mehr.
Dies ist der seelische Zustand aller, die ihr Leben weit entfernt von Gott verbringen. Allah beschreibt den Zustand dieser Menschen in verschiedenen Quran-Versen:
Die Menschen, die in diesen Versen erwähnt werden, wenden sich Allah zu, wenn sie mit einer Schwierigkeit konfrontiert sind. Wenn sie diese Schwierigkeiten mit Gottes Hilfe überstanden haben, vergessen sie die Versprechungen, die sie Allah im Angesicht der Gefahr machten, und erweisen sich undankbar. Dies zeigt, dass die Reue, die sie empfanden, aus ihrer Ohnmacht und Schwäche heraus war, die man in schwierigen Situationen fühlt.
Die Reue hingegen, die gläubige Menschen empfinden, ist von ganz anderer Natur. Das Gefühl der wahren Reue erlischt nicht so bald und bringt Nutzen mit sich. Sie rüttelt auf und ruft grundlegende Änderungen im Charakter hervor. Einer, der aufrichtige Reue empfindet, führt den Rest seines Lebens gottgefällig, und hofft auf die Barmherzigkeit und Gnade Allahs. Wenn er die Schwierigkeiten oder Gefahren in seinem Leben durch Allahs Güte überwindet, kehrt er Gott nicht wieder den Rücken und verfällt in Undankbarkeit, denn er ist sich nun bewusst, dass eine solche Einstellung, wie es auch aus den obig zitierten Versen deutlich wird, einen Verlust für ihn bedeutet.
Im Quran schildert Allah den seelischen Zustand der Menschen, die an Bord eines vom Untergang bedrohten Schiffes mit dem Tod konfrontiert sind, als Warnung für alle Menschen, denn solche Gefühlszustände erlebt jede Menschenseele in entsprechenden Situationen. Deswegen sollten alle Menschen eine Lehre aus diesem Beispiel ziehen. Negativen Charakterzügen darf nicht nachgegeben werden und man muss sein Gewissen aufrichtig überprüfen. Dann sollte man sich fragen:
'In welchem seelischen Zustand wäre ich, wenn ich mich in einer ähnlichen Situation befände? Was würde ich bereuen? Welche Versprechen würde ich Allah geben, wenn Er mich aus der Gefahr errettete? Was würde ich an mir und meinem Leben ändern, um Sein Wohlwollen zu erlangen? Was würde ich mich aufgeben und welche meiner Vorsätze würde ich versuchen, aufrichtig in die Tat umzusetzen?'
Diese Gedanken müssen einen nicht unbedingt erst dann beschäftigen, wenn man einer unmittelbaren Gefahr gegenübersteht. Niemand sollte sich absolut sicher wähnen, die Möglichkeit, in eine lebensbedrohliche Gefahr zu geraten, besteht für jeden Menschen mit jedem Atemzug. Doch selbst wenn man niemals in eine solche Situation gerät, ist dennoch eines sicher: Sobald der jedem Menschen vorherbestimmte Zeitpunkt des Todes eintrifft, werden auf einmal die Engel des Todes erscheinen. In diesem Moment, in dem sich die unleugbare Wahrheit des Todes realisiert, wird jeder, der kein gottgefälliges Leben geführt hat, tiefe Reue empfinden.
Die einzige Möglichkeit, eben diese Reue, sowohl im Diesseits als auch im Jenseits zu vermeiden, ist, sich Allah zuzuwenden, Ihm die, Ihm gebührende Ehrerbietung und Dankbarkeit darzubringen, Sein Gericht zu fürchten und Seinen Geboten, die uns im Quran offenbart wurden, zu folgen. Der Tod ist allgegenwärtig. Der Mensch sollte seine Verantwortung wahrnehmen und die Erfüllung seiner Pflichten nicht hinausschieben. Seine aufrichtigen Vorsätze und Vorhaben sollte er mit Geduld und Disziplin in die Tat umsetzen. Das Ausmaß seiner Hingabe an Allah und das Bewusstsein von Allahs Nähe sollten so intensiv sein, wie in dem Augenblick, als er sich jener Gefahr bewusst war, in der er Allah um Hilfe gebeten und Ihm Versprechungen gemacht hatte. Diese Hingabe und das Bewusstsein der Allgegenwart Gottes sollten das ganze Leben lang anhalten.
Die wichtigste Tatsache, die wir uns immer vor Augen halten müssen, ist Folgende: Der Sinn des Daseins auf dieser Welt ist, Allahs Wohlgefallen zu erlangen und Ihm zu dienen. Alles andere, wie Erfolg, Reichtum, Familie, Karriere, usw. sind nur Mittel, durch die man Allah näher kommen sollte. Die Bemühungen derjenigen sind vergebens, die nur danach trachten, diese Mittel um ihrer selbst willen zu ergattern und dabei vergessen oder ignorieren, dass dieses Wohlergehen ihnen nur mit Allahs Erlaubnis zuteil wird, nämlich damit sie sich Ihm zuwenden und Ihm ihren Dank bezeugen. Der vergängliche Vorteil, den sie auf Erden erreichen, wird ihnen im Jenseits ohne jeden Nutzen sein. In einem Vers hebt Allah hervor, dass besonders diese Menschen am Jüngsten Tag die größte Enttäuschung erleben werden:
Wenn ein Mensch durch edle Haltung und hohe Moral in diesem Leben nach Allahs Wohlgefallen strebt, wird Allah ihn zweifellos sowohl auf dieser Welt als auch im Jenseits beschützen und belohnen. Wenn er die Gelegenheiten dazu auf dieser Welt nicht wahrgenommen hat, wird er dieses schreckliche Versäumnis in dem Augenblick, wenn die Engel des Todes ihm erscheinen, bereuen. Dieses Versäumnis wird zu einer Ursache für ewige Reue. Im Quran wird die Reue solcher Menschen, wenn sie einst vor Allah stehen, so beschrieben:
Jeder, der dieser Hoffnungslosigkeit und Verzweifelung entgehen möchte, sollte sich beizeiten, d.h. unverzüglich seinem Herrn hingeben und den Geboten seines Schöpfers Folge leisten
Das Leben auf dieser Welt ist die einzige Gelegenheit, die der Mensch hat, Allahs Wohlwollen zu erstreben, welches alleine ihm das vollkommene und ewige Leben im Jenseits gewähren kann. Diejenigen, die diese Gelegenheit ungenützt verstreichen lassen und ihr Leben nicht im Einklang mit der wahren Religion (d.h. sich Gott völlig zu ergeben), werden jeden Moment ihres irdischen Lebens bedauern, wenn sie die Strafen im Jenseits sehen, denn sie wurden oftmals gewarnt und eindringlich auf die Realität des Himmels und der Hölle hingewiesen und es wurde ihnen auch gesagt, zu welchem Ergebnis ihr diesseitiges Verhalten führen würde.
Bevor die Menschen das unvermeidbare Ende erreichen, lässt Allah sie während ihres irdischen Lebens ausnahmslos das Gefühl der Reue erfahren, so dass sie sich vielleicht vor ihrem Tod besinnen und den richtigen Weg erkennen, bevor es zu spät ist. Zu diesem Zweck gewährt Allah den Menschen stets eine bestimmte Frist, in der sie sich von ihren Fehlern läutern und ihr unrichtiges Verhalten korrigieren können. Im Laufe seines Lebens wird jedem Menschen die Gelegenheit gegeben, seine Übertretungen zu bereuen und den Rest seines Lebens auf gottgefällige Art zu führen.
Aus dieser Sicht heraus betrachtet, ist die Reue wirklich eine große Gelegenheit, die Allah den Menschen bietet. Folgt einer solch tief und aufrichtig empfundenen Reue die Hinwendung zu Allah, so akzeptiert und erwidert Allah diese; ignoriert man jedoch diese Warnungen und verpasst diese Gelegenheiten, dann lehnt Allah die verspätete Reue ab und sie wird zu ewiger Reue und Pein.
Im Quran gibt Allah mehrere Beispiele von Menschen, die ihre Fehler bedauerten. Die erlebte Reue führt einen Teil der Menschen dazu, sich Allah zuzuwenden und bewahrt sie für den Rest ihres Lebens vor der Wiederholung jener Fehler. Andere jedoch vergessen das Erlebte und fallen in ihre vormalige auflehnende Haltung zurück.
Ein gutes Beispiel dafür, wie Reue Menschen auf den rechten Weg bringt, finden wir im Quran, wo Allah uns drei Männer vorstellt, die den Propheten in einem schwierigen Unternehmen nicht unterstützten:
Wie aus obigen Versen hervorgeht, empfanden diese drei Männer, die aufgrund mangelnden Engagements zurückgelassen worden waren, tiefe Reue in ihren Herzen. Sie erkannten, dass der einzige Ausweg aus dieser Seelenqual war, in Reue Zuflucht bei Allah zu suchen.
Eine Reue, die den Menschen in innere Aufruhr versetzt und ihn dazu bewegt, sich zu ändern, ihn nötigt, seine Fehler zu verbessern, ist aufrichtig, und Menschen, die aufrichtig bereut haben werden ein Leben nach Allahs Geboten führen und auf Seine Barmherzigkeit und Gnade hoffen. Allah ist sicherlich überaus gütig und Er weist die Bitten um Vergebung Seiner Knechte nicht ab, die ihre Verfehlungen bereuen und wiedergutmachen wollen und verzeiht ihnen:
Im Quran wird auch berichtet, wie Völker, denen Gott Propheten sandte, ihre Übeltaten bereuten. Eine der Begebenheiten, die im Quran Erwähnung findet ist der Frevel und die darauf folgende große Reue der Kinder Israel, die, als ihr Prophet Moses auf dem Berg Sinai von Gott die Gesetzestafeln empfing, in seiner Abwesenheit sich von dem lebendigen Gott abwandten und dem Götzendienst verfielen:
In der Geschichte der Gartenbesitzer im Quran wird die Reue ein weiters Mal hervorgehoben. Allah bescherte diesen Leuten einen Garten als Zeichen seiner Gunst. Doch sie wurden überheblich, und betrachteten den Garten als ihr eigenes Verdienst und versäumten Allah zu danken. Daraufhin wurden sie bestraft, um ihr Verhalten zu bereuen und sich zu Allah zuzuwenden.
Sobald ihnen eine weitere Chance gewährt wird, vergessen viele Menschen bedauerlicherweise die erteilte Ermahnung, ihre Verfehlungen zu bereuen und den rechten Weg zu begehen. Diese Toren, die auf ihren alten Fehlern beharren und in Undankbarkeit verfallen, werden sich ihrer Verantwortung nicht entziehen können.
So erging es auch dem Volk von Tamud, zu dem der Prophet Salih als Ermahner gesandt worden war. Jene Leute handelten im Trotz entgegen den eindringlichen Warnungen des Propheten Salih. Allah bricht Sein Versprechen nie und so ließ Er jene Menschen erfahren, was Er ihnen durch Seinen Propheten angedroht hatte.
Allah ist gewiss gerecht. Er lässt keine Schuld ungesühnt, doch Er belohnt auch großzügig gute Taten, die um Seines Willen getan werden. Er gibt diejenigen, die sich Ihm in aufrichtiger Reue zuwenden die Verheißung Seiner Gnade und des Paradieses. In Anbetracht dieser Tatsachen, sollte man nachsinnen ob der momentane Genuss der Sünde, bzw. die vorübergehende Bequemlichkeit an selbstsüchtigen Gewohnheiten festzuhalten es wert sind, das Risiko einer ewig dauernden Reue einzugehen, wobei man sich die seelischen Qualen einer auch nur kurz empfundenen Reue in dieser Welt vergegenwärtigen möge. Man bedenke, dass es diese Reue ist, von der man nach dem Tod ewig in der Hölle gequält wird...
Sicher möchte niemand von solch einer ewigen Reue im Jenseits gepeinigt werden und daher sollte jeder einzelne Mensch diese Möglichkeit auf dieser Welt nutzen solange er Zeit noch dazu hat. Wer diese von Allah gebotene Gelegenheit wahrnimmt, wird nicht nur vom Feuer der Hölle gerettet, sondern es wird ihm auch Segen in dieser Welt und in der Ewigkeit zuteil.
Jeder, der diesen Segen nicht verlieren will und der Reue der Höllenbewohner entgehen will, sollte sein Leben auf Allahs Wohlgefallen hin ausrichten und den von Allah vorgegebenen Weg aus der Finsternis zum Licht nicht verfehlen: